Verfasst von: Jan | 21. Januar 2014

Wir machen alle dieselben Fotos (und was wir dagegen tun können!) – Oder: „Du hältst den Turm von Pisa? Mensch, wie originell!“

Reisfotografie verändert die Art und Weise, wie wir die Welt sehen. In einem der letzten Beiträge habe ich vorgestellt, dass Touristen hierbei oft erst merken, wie sich das anfühlen muss, wenn Sie zunehmend selbst zum Fotomotiv werden.

Aber auch wenn wir uns die Motive anschauen, macht sich eine erschreckende Gleichförmigkeit breit. In der aktuellen Ausgabe des Magazins Neon habe ich einen Artikel der Autorin Annabel Dillig hierzu gefunden (Kurzinformation unter »Du hältst den Turm von Pisa? Mensch, wie originell!« – NEON Blog). Was ich immer befürchtet habe, wird nun auch eindrucksvoll bewiesen, nämlich Anhand der Fotoarbeit „The Collective Snapshot“ des Künstlers Pep Ventosa, der in Zusammenarbeit mit Informatikern der US-amerikanischen der Cornell-Universität fast 35 Millionen Bilder analysiert und daraus die meistfotografierten Orte der Welt ermittelt hat. Diese wurden dann je Sehenswürdigkeit übereinandergelegt – heraus kommt dann so etwas wie das „Durchschnittsbild“ dieser Attraktion.

Beispiele finden Sie auf Pep Ventosas Website, darunter beispielsweise  den Eiffelturm, die Tower Bridge, die Oper in Sydney, die Rialtobrücke, die Freiheitsstatue, das Brandenburger Tor und einige mehr. „A celebration of our collective memory“, so beschreibt Ventosa sein Projekt, sieht sein Ergebnis also als positiv an. Zu recht, denn die entstandenen Arbeiten sind ansprechend, durch die mehrfache Überlagerung des immergleichen Motivs nahezu impressionistisch verschwommen.

Den Grund für die immergleichen Motive und Perspektiven nennt die Neon-Autorin Dillig im Artikel:

„Wir haben das Fotoalbum schon im Kopf, bevor wir losfahren. Wir knipsen nur, was wir zu erwarten sehen. […]
Geht es darum, unsere Erwartungen eines Landes zu bestätigen und sich zu erholen? Oder darum, sich auf ein Abenteuer einzulassen, überrascht zu werden von der Fremdheit und den Unwägbarkeiten einer Reise?“

Während das mehr ein Thema der persönlichen Einstellung und Erwartungshaltung ist, kommt für Dillig aber noch ein weiteres Problem hinzu: Nicht nur die Motive, sondern auch der ästhetische Look der Fotos werde mit Filtern wie Instagram und Hipstamatic immer austauschbarer.

Nur – wie wollen – oder sollen – wir als Reisefotografen damit umgehen? Auch mir geht es bisweilen so. Selbstverständlich habe ich in Kambodscha die Tempelanlagen von Angkor Wat fotografiert, in Bilbao das Guggenheim-Museum, Osborne-Stiere in Andalusien und in China die große Mauer. Niemand kann und will Sie von Postkartenmotiven abhalten. Wir haben bestimmte Bilder im Kopf, die wir umsetzen wollen, das ist nicht zuletzt auch das Ergebnis einer guten reisefotografischen Vorbereitung. Dennoch habe ich drei Ideen für einen anderen Umgang mit den Top-Sehenswürdigkeiten auf Reisefotos:

  1. Weniger ist mehr! Muss es wirklich der Eiffelturm in voller Höhr sein? Überlegen Sie sich vor Ort: Wir wirkt ein einzelner Stahlträger? Gehen Sie noch näher heran – wie wäre es mit einer einzelnen Stahlniete in Großaufnahme? Wie würde der schiefe Turm von Pisa als Spiegelung in einer Pfütze wirken? Die Golden Gate Bridge im Nebel? Die Oper von Sidney nur als Silhouette im Gegenlicht? Fast alles ist möglich. Kaufen Sie Postkartenmotive vielleicht tatsächlich als Postkarten für Ihr Album und wagen Sie ungewöhnliche Perspektiven, verschiedene Standorte und selten gesehene Lichtstimmungen – bei flickr finden Sie bestimmt für jedes einigermaßen bekannte Motiv den „etablierten Standard“… und von diesem weichen Sie bewusst ab.
  2. Spontan und kreativ sein! Trotz aller Konzentration auf Ihre vorbereiteten Motive nehmen Sie sich regelmäßig Zeit, bewusst abseits der Routen zu suchen – in Hinterhöfen, auf einheimischen Festen, im Bus, im Garten des Hotels, auf dem Weg zum Supermarkt, im Gespräch mit dem Taxifahrer, oder so wie ich, aus dem Tuk-Tuk heraus. Oder versuchen Sie sich bei einem Spaziergang nur mit einer Festbrennweite als einzigem Objektiv. Suchen Sie sich ungewöhnliche Motive, die Sie in allen Ländern finden können. Straßenschilder? Friedhöfe? Türklopfer aus Messing? Flohmärkte? Friseursalons? Auch so können Sie die Serien Ihrer Standard-Sehenswürdigkeiten mit authentischen und innovativen Ideen aufwerten. Kennen Sie das Beispiel von Murad Osmann, der mit dem Tag #followmeto berühmt wurde?
  3. Keine Standard-Bildbearbeitung! Nicht mit dem Instagram-Strom zu schwimmen ist ein guter Anfang. Versuchen Sie lieber, eine eigene „Farboptik“ zu finden, die sich wie ein roter Faden durch Ihre Motive zieht – entwickeln Sie Ihre individuellen Farbstimmungen, die Sie z. B. als Filter in Adobe Lightroom erstellen können. Wenn Sie Bildbearbeitung nicht oder sparsam einsetzen möchten, haben Sie noch andere Möglichkeiten der Individualisierung: Experimentieren Sie mit ungewöhnlichen Bildformaten, Rahmen und Beschriftungen – erlaubt ist was gefällt. Was Ihnen gefällt.

Schauen Sie sich z. B. folgende Reisefotos von mir an:

Kein Standardbild: Ein Detail der eleganten Schwünge des Guggenheim-Museums in Bilbao wirken genauso stark wie eine Aufnahme des Gesamten Gebäudes.

Bilbao - Guggenheim Museum

Wirkt vertraut, aber irgendetwas ist anders. Stopschild mit arabischer Beschriftung in Marokko:

Stop!

Warum immer gerade? Die leicht schräge Perspektive und der Kontrast mit der Palme lässt den Glockenturm der Mezquita in Cordoba ungewöhnlich wirken.

Glockenturm der Mezquita

Glockenturm der Mezquita

Ich bin gespannt auf Ihre Ideen – lassen Sie uns gerne in den Kommentaren über weitere Möglichkeiten diskutieren.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: