Verfasst von: Jan | 9. Januar 2014

Warum Touristen im Urlaub oft selbst fotografiert werden… und die Hintergründe

Zunächst darf ich Ihnen, meinen Lesern, einen guten Start ins neue Jahr 2014 wünschen! Auch in diesem Jahr möchte ich ihnen Tipps und Tricks rund um die Reisefotografie anbieten – und dabei natürlich so oft wie möglich „bebildert“.

Und so lockt auch das neue Jahr bereits mit Urlaubsplänen: Die ersten Kataloge und Angebote von Reiseveranstaltern hatte ich bereits im Briefkasten. Ja, ich vereise gerne – aber vergleichsweise wenig Gedanken machte ich mir bisher über meine Rolle als Tourist in fremden Ländern. In diesem Zusammenhang möchte ich Ihnen als Denkanstoß einen erhellenden Artikel auf sueddeutsche.de empfehlen: Fotografieren im Urlaub: Touristen, vom Fotograf zum Motiv der Autorin Nadia Pantel.

Was viele Touristen irritiert: Sie werden jetzt oft selbst zum Fotomotiv – und davon sind sie häufig unangenehm berührt. Auch ich kenne den Fall. In Shanghai, einer eigentlich sehr modernen chinesischen Stadt, standen wir am Ankunftstag am berühmten „Bund“ am Wasser mit Blick auf die faszinierende Skyline. Erster Kulturschock: Unsere Reisegruppe war innerhalb kurzer Zeit Mittelpunkt des Interesses zahlreicher Chinesen, die uns unverblümt anstarrten und mit Ihren Smartphones fotografierten. Gerade am ersten Tag in China ein etwas befremdliches Erlebnis. Zuvor hatte ich gerne die asiatischen Toristen mit Ihrem „Europa in 5 Tagen“-Programm und den großkalibrigen Kameras belächelt. Aber war ich wirklich so viel besser?

Pantel fasst eine Analyse („The Tourist Gaze“) des britischen Soziologen John Urry zusammen:

„Der Tourist wisse schon vorher ziemlich genau, wie sein Urlaubsland auszusehen habe: vor allem anders als seine Heimat. Kaum ist die Alltagskleidung gegen kurze Hosen und Sandalen eingetauscht, wechselt auch der Blick. Wahrgenommen wird, was man zu Hause als fremd und besonders beschreiben – und am Besten auch vorzeigen – kann. Und die Kamera ist nach dieser Maßgabe immer im Anschlag.“

Mit diesem Fokuswechsel und auf der Suche nach der „Exotik“ für unsere Fotos geraten wir allerdings oft in einen Habitus vermeintlicher Überlegenheit, die von der Tourismusforscherin Rosaly Magg sogar als „Machtgefälle“ oder „Völkerschau-Mentalität“ beschrieben wird. Die Autorin Pantel ergänzt:

„Reist also zum Beispiel ein Deutscher nach Vietnam, hat nicht er das Gefühl, dort fremd zu sein: Die Fremden, die Exotischen, das sind die Vietnamesen. Und der Tourist ist der Zuschauer, der das Fremde analysiert und beobachtet.“

Und genau aus diesem Grund sind Touristen dann doch, gelinde gesagt, verwundert, wenn sie plötzlich selbst fotografiert werden, was mit zunehmender Verbreitung von Handykameras auch in abgelegeneren Gegenden durchaus vorkommen kann. Im zweiten Teil von Pantels Artikel wird dies noch deutlicher, die Autorin erörtert scharfsinnig und anhand vieler O-Ton-Aussagen betroffener Touristen die zugrundeliegende Problematik:

„Die Idee, dass die fotografierende Landesbevölkerung genauso wie der Tourist einfach nur fotografiert, was anders ist, kommt erstaunlich wenigen.“

Deshalb – nehmen Sie es (wo möglich) mit Humor, beachten Sie immer die grundsätzlichen Regeln von Anstand und Respekt als und sehen Sie sich einfach mal wieder öfter selbst als Gast in einem Fremden Land, und nicht als vermeintlich „reichen“ Touristen, der das alleinige Recht auf Fotos mit exotischen Motivwn hat.

Nach meinem Schlüsselerlebnis in Shanghai lernte ich im Laufe der Reise auch einiges dazu. Zum Beispiel, was für ein teilweise unglaublich modernes Land China eigentlich ist: Die einzige öffentliche Transrapid-Strecke weltweit. Provinzbahnhöfe, in die der Frankfurter Hauptbahnhof zweimal hineinpasst. Gefühlt mehr Banken und Versicherungen als Apotheken. Wireless LAN in jedem Hotel. Wolkenkratzer, wo noch vor wenigen Jahrzenten Holzhütten standen. Die Liste ließe sich lange fortsetzen.

Ein positives Erlebnis hatte ich in China (Reisebilder Teil I / II) übrigens auch noch: Am letzten Tag waren wir – um uns die Wartezeit bis zum Abflug zu vertreiben – in einem nahegelegenen Park, der größtenteils von Einheimischen besucht wird. Zwei junge Männer gingen an mir vorbei, einer der beiden fragte mich freundlich nach einem Foto, das sein Kumpel dann mit seinem Smartphone aufnahm. Ich (obwohl überrascht) spielte mit – und schüttelte hinterher seine Hand, was wiederum für ihn ein eher ungewöhnlicher Vorgang war. Nach zwei Wochen in China sieht man vieles nicht mehr so eng! Eines der nettesten Erlebnisse war weiterhin, als wir in den Hutogns von Peking an einem kleinen Tischchen zwischen lauter Einheimischen einen traditionellen Hot-Pot mit Grill bestellt haben, und die umliegenden Chinesen uns mit Händen und Füßen erklärt haben, was wir nun tun müssen… und zwar ganz ohne Fotowunsch. Manchmal sind wir Touristen eben auch in den fernsten Ländern einfach nur Tischnachbarn, die Hunger haben.

Advertisements

Responses

  1. […] verändert die Art und Weise, wie wir die Welt sehen. In einem der letzten Beiträge habe ich vorgestellt, dass Touristen hierbei oft erst merken, wie sich das anfühlen muss, wenn Sie zunehmend selbst zum […]


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: