Verfasst von: Jan | 28. August 2013

Reisefotografie-Objektive: Was bringen Festbrennweiten? Vorteile, Nachteile, Meinungen

Seit kurzem habe ich ja auch ein Festbrennweitenobjektiv in der Fotoausrüstung. In diesem Beitrag möchte ich Ihnen zeigen, was Festbrennweiten (insbesondere Normalobjektive) leisten können – und was nicht), ob und wie sie sich für die Reisefotografie eignen und was andere Fotografen zu dieser Thematik zu sagen haben.

Schauen wir uns einmal zunächst Pro und Contra an.

Folgende Vorteile gelten weithin als unumstritten:

  • Bestimmte Festbrennweiten sind vergleichsweise preisgünstig, vor allem im Brennweitenbereich um 50mm.
  • Mit ihrer hohen Lichtstärke (meist zwischen f/1.2 und f/1.8) eignen sie sich sehr gut für Situationen mit wenig Licht, in denen man dann bei niedrigeren ISO-Werten und evtl. ohne Blitz fotografieren kann.
  • Mit offenen Blenden (also kleinen Blendenzahlen) gelingt es Ihnen besser, kreativ mit der Schärfentiefe zu arbeiten. So können sie besonders bei Porträts Ihr Motiv schön freistellen, indem Sie die Person gestochen scharf und den Hintergrund unscharf gestalten.
  • Der Autofokus ist fast immer schneller als bei Zoomobjektiven.
  • Bauartbedingt sind bei Festbrennweiten weniger Linsen verbaut, daher sind sie meist immer leichter und kompakter als Zoomobjektive. Dieser Umstand (das Fehlen beweglicher Teile und der einfachere Linsenaufbau) führt damit auch in der Regel zu einer besseren Abbildungsleistung.

Das kreativere Objektiv?

Dazu kommt ein weiterer Punkt, über den allerdings weit weniger Konsens besteht. Wie die Wikipedia so schön formuliert:

„Durch die puristische Eigenart dieser Objektive sagt man Festbrennweiten auch nach, den fotografischen Blick zu erweitern, um Motive im Vornherein besser einschätzen und auf die Umgebung angepasste Einstellungen vornehmen zu können (‚fotografisches Auge‘).“

Man beachte: „man sagt es ihnen nach“. Nach allem, was ich geslesen habe, scheint es sich hier um einen eher subjektiven Effekt zu handeln. Das Argument geht in etwa so: Festbrennweiten würden durch die vorgegebene Brennweite zum bewussteren und kreativeren Fotografieren „zwingen“, insbesondere im Hinblick auf Bildaufbau und -wirkung. Zudem müsse man sich aufgrund des fehlenden Zooms stärker mit dem Motiv und der Veränderung des Bildausschnitts auseinandersetzen, z. B. durch Veränderung von Standort und Perpektive.

Viele erfahrene Fotografen schildern hierbei indessen sehr positive Erfahurngen – nur zwei von vielen Beispielen:

„Ich sehe durch den Sucher ein Rechteck im Verhältnis von etwa 2 zu 3 und dieser Ausschnitt ist absolut und meine Aufgabe ist es dem, was ich fotografieren will eine Spannung zu verschaffen.“
(Fotograf Marc Weber, „Warum ich Festbrennweiten Zoomobjektiven vorziehe“)

„Mit einer Festbrennweite zu fotografieren gibt mir das Gefühl, noch mehr an der Bildentstehung beteiligt zu sein als mit einem Zoomobjektiv. […] Gerade für Foto-Einsteiger kann das eine super Hilfe sein, kompositorisch weiterzukommen und schnell dazuzulernen.“
(Martin Gommel, „Objektive: Warum ich Festbrennweiten empfehle“ auf kwerfeldein.de)

Dieser Ansicht widerspricht René Frost auf slr-foto.de vehement (und ausführlich). Er weist auch völlig richtig darauf hin, dass sich der genannte Effekt auch mit Zoomobjektiven erzielen lässt, indem man diese mit einer fix eingestellten Brennweite verwendet. Somit seien Festbrennweiten eine unnötige Einschränkung des kreativen fotografischen Spielraums und das Argument vermeintlich „kreativerer“ Bilder zumindest in dieser Pauschalität nicht gültig. Frosts Fazit:

„Der erwähnte psychologische Effekt ist überwiegend Einbildung bzw. kommt in der Praxis nur deshalb zum Tragen, weil sich der Blick für die Motive ändert nur weil gerade ein anderes Objektiv an die Kamera geschraubt wurde. Ich vermute deshalb, daß eher Anfänger ein Aha-Erlebnis haben als Fotografen mit langjährigen Erfahrungen.“

Weitere Nachteile der Festbrennweiten ergeben sich analog zu ihren Vorteilen:

  • Es werden mehrere Festbrennweiten benötigt, um dasselbe Brennweitenspektrum wie ein Zoomobjektiv abzudecken (z. B. 1x Weitwinkel, 1x Normalbrennweite, 1x Telebrennweite = 3 Objektive) – das kann (besonders bei hochwertigen Objektiven) durchaus teurer werden als ein Zoomobjektiv.
  • Sie müssen für dasselbe Brennweitenspektrum deshalb mehr Objektive bei sich tragen und transportieren (Gewicht!) und häufiger das Objektiv wechseln.
  • Die somit bei Festbrennweiten eventuell erforderlichen Objektivwechsel sind nicht immer möglich (z. B. aus Zeitknappheit oder aufgrund ungünstiger Wetterbedingungen).
  • Im Gegensatz zum Zoomobjektiv können Sie nicht den Bildausschnitt anpassen, ohne die Position der Kamera zu verändern.

Das Meinungsbild – was sagen Fotografen?

Wie sieht es nun in der Praxis aus? Hören wir weitere Meinungen erfahrener Hobby- und Profifotografen, und prüfen, wie es sich mit Festbrennweiten in der Reisefotografie verhält:

Christian Mitschke meint:

„Ich fotografiere […] lieber mit einer Festbrennweite, weil sie mich zwingt, mich zu bewegen und so an meiner Komposition zu arbeiten.“

Mitschke weiter, speziell auf die Reisefotografie bezogen:

„Ich verwende im Urlaub nur 2 Festbrennweiten. Die wiegen zusammen so viel wie ein gutes Standard-Zoom. Aber ich muss nicht immer beide mitnehmen. Ich nehme nur die Kamera und ein Objektiv mit an jedem Tag – die Bilder werden deutlich besser – weil ich den Kopf für die Komposition frei habe.  […] Das Konzept der Festbrennweiten hat mich fotografisch enorm weiter gebracht. Ich habe mir abgewöhnt ständig die Objektive zu wechseln, wie ich es am Anfang (aus Gewohnheit von den Zoom-Linsen) gemacht habe. Ihre Bilder werden definitiv gewinnen, wenn Sie sich für weniger entscheiden.“

Ganz ähnlich Sebastian von 22places.de in seinem Artikel 6 Gründe, warum du unbedingt eine Festbrennweite brauchst:

„Ich habe wirklich kaum Zeit zur Umgewöhnung gebraucht und merke, dass ich mir mit einer Festbrennweite viel mehr Gedanken mache, bevor ich den Auslöser drücke. Ich fotografiere viel bewusster und mache mir viel mehr Gedanken darüber, wie das fertige Bild am Ende aussehen soll.“

Besonders das sog. Normalobjektiv mit Festbrennweite um 50mm (bezogen auf das Kleinbildformat) scheint sich großer Beliebtheit zu erfreuen. Ebenfalls ein echter Festbrennweitenfan ist Oliver Causse, der sich auf seiner empfehlenswerten Seite viele Gedanken zum Normalobjektiv gemacht hat – unter dem schönen Titel „Das unterschätzte Objektiv in der Fotografie – Ein Plädoyer für ein verkanntes Genie“.

„Wenn ich nur ein Objektiv zum Fotografieren mitnehmen könnte, für welche Brennweite sollten ich mich entscheiden? Die Anwort kann nur lauten: das Normalobjektiv.

Weniger ist mehr: fotografieren mit 50 mm, probieren Sie es aus. Let’s go back to the roots.“

Die Profifotografin Susan Brooks-Dammann fasst nach Ihrem 50mm-Experiment zusammen:

„Im Großen und Ganzen habe ich mein 50mm als Immer-Drauf-Linse wiederentdeckt. Mit dem Einzug der anderen Objektive geriet dieses Allround-Teil fast in Vergessenheit. Vielleicht gerade, weil es ein Allrounder ist, der zu allem passt. […] Wunderbar fand ich, dass ich das Objektiv-Wechsel-Dich-Spielchen nicht spielen musste.“

Im Artikel Festbrennweiten – Warum Profis diese Objektive nutzen bei experto.de findet sich noch eine weitere Anwendungsmöglichkeit: die für das Vollformat entwickelten 50mm-Objektive (z. B. von Canon und Nikon) könnten, so der Autor, auf Kameras mit den (kleineren) APS-C-Sensoren  gut als Portraitobjektiv mit dann ca. 70 bis 80mm Brennweite verwendet werden. Kein schlechter Ansatz, wie ich finde, aber in Summe für meine Anwendungen weniger flexibel als eine „tatsächliche“ 50mm Brennweite (also ca. 35mm am APS-C-Sensor).

Festbrennweite auf Reisen – Zeit für ein Fazit:

Festbrennweiten scheinen mir als Reiseobjektiv insbesondere als Ergänzung zu einem Zoomobjektiv geeignet zu sein – vor allem aufgrund der technischen Rahmenbedigungen wie einer hohen Lichtstärke, damit spielen die Festbrennweiten vor alllem in schlecht beleuchteten Innenräumen (Kirchen, Höhlen, Museen…) und in den Abendstunden oder sogar nachts ihre Vorteile aus.

Wer – wie ich – standardmäßig ein eher lichtschwaches Zoomobjektiv verwendet, könnte sich als passende Ergänzung eine lichtstarke Festbrennweite holen. Ob sich das Fotografierverhalten durch den vorgegebenen Bildausschnitt ändert oder die Bilder „kreativer“ werden (was immer das im jeweiligen Kontext bedeuten mag), das muss wohl jeder für sich herausfinden – vor allem für Einsteiger sicher eine reizvolle Abwechslung. Das 50mm-Normalobjektiv ist hier je nach Geschmack sicher am ehesten für Allround-Anwendungen auf Reisen geeignet. Wer sich auf Landschaften spezialsiert hat, wird eher zur Weitwinkel-Festbrennweite greifen, eine Tele-Festbrennweite scheint mir auf Reisen nur für sehr spezialisierte Fotografen sinnvoll.

Da ich mich auch zu den „fortgeschrittenen Einsteigern“ zähle, werde ich mich es auf der nächsten Reise mit der Kombination aus dem 18-105 (mit Bildstabilisator) und dem 35mm DX (Festbrennweite) versuchen. Die Ergebnisse sehen Sie im Reisetagebuch Andalusien!

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Responses

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  5. […] so wie ich, aus dem Tuk-Tuk heraus. Oder versuchen Sie sich bei einem Spaziergang nur mit einer Festbrennweite als einzigem Objektiv. Suchen Sie sich ungewöhnliche Motive, die Sie in allen Ländern finden […]

  6. […] Reisefotografie-Objektive: Was bringen Festbrennweiten? Vorteile, Nachteile, Meinungen […]

  7. […] Auf die Vorzüge einer Festbrennweite habe ich in diesem Beitrag bereits hingewiesen. […]

  8. […] Reisefotografie-Objektive: Was bringen Festbrennweiten? Vorteile, Nachteile, Meinungen […]


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