Verfasst von: Jan | 22. Dezember 2012

Was ist das ideale Reiseobjektiv? Vom Für und Wider der „Superzooms“ und „Universalobjektive“

Immer mal wieder wird diskutiert, welche Objektive am besten für Reisefotografen geeignet sind (oder sein sollen). Die Website Fotolehrgang.de befasst sich im Artikel Superzoom – Universalobjektiv – Reiseobjektiv? ebenfalls ausführlich mit dieser Frage und erörtert das Für und Wider sehr verständlich unter verschiedenen Gesichtspunkten wie Lichtstärke und Naheinstellgrenze. Autor ist  Thomas Striewisch, der als Lehrer für Fotografie an Volkshochschulen tätig ist, Kurse, Vorträge und Seminare zur Fotografie veranstaltet und zu diesem Thema zahlreiche Bücher, Artikel, Videos und Lehrfilme veröffentlicht hat.

Was spricht gegen sog. „Reiseobjektive“?

Unter „Reiseobjektiven“ verstehen und verkaufen Hersteller, Händler und Elektronikmärkte in diesem Falle Zoomobjektive, die einen hohen Brennweitenbereich abdecken, nicht selten das Zehnfache der Startbrennweite (z. B. 18-200mm). Diese Tendenz, so Striewisch, zeige sich auch in Brigdekameras und sogar in vielen Kompaktkameras.

Die Logik dahinter scheint zunächst schlüssig: Sie müssen kein zweites oder drittes Objektiv zusätzlich transportieren und bei Spiegelreflexkameras zudem nicht umständlich und zeitraubend das Objektiv wechseln – Sie verwenden einfach ein Objektiv, das ein großes Brennweitenspektrum abdeckt und so für Weitwinkel- bis Tele-Motive geeignet ist.

Überraschenderweise ist aber ein solches Objektiv oft gar nicht nötig oder sogar hinderlich, die Kernthesen Striewischs hierzu lauten zusammengefasst:

  • Die Superzoomobjektive haben üblicherweise eine geringe Lichtstärke. Insbesondere bei langen Brennweiten sei es schwierig, mit diesen Objektiven verwacklungsfreie Aufnahmen zu erzielen. Um dies zu umgehen, müsse entweder ein Stativ verwendet werden (dann ist es natürlich nichts mehr mit dem Argument der Mobilität), oder die ISO-Empfidlichkeit wird erhöht – dies führe zu höherem Bildrauschen.
  • Bei den kurzen Brennweiten haben die Superzooms ein Problem mit der Naheinstellgrenze: Durch einen kurzen Aufnahmeabstand könne die Raumwiedergabe des Weitwinkels für die Bildgestaltung am besten genutzt werden – bei vielen „Superzooms“ sei diese Naheinstellgrenze aber oft anderthalb mal so lang wie bei Festbrennweiten. Die Folge: Sie benötigen einen größeren Aufnahmeabstand zum Motiv, die Wirkung der kurzen Brennweite auf die Bildgestaltung werde entsprechend abgeschwächt.
  • Die Bezeichnung und Einstufung als „Reiseobjektiv“ oder „Universalobjektiv“ sei somit für diesen Kameratyp nicht gerechtfertigt – es handle sich im Gegenteil um Spezialobjektive mit einem eher begrenzten Anwendungsfeld, Zitat:

    Man sollte sie vielmehr als Spezialisten ansehen, zu denen man dann greift, wenn ihre herausragenden Fähigkeiten wirklich gefragt sind und diese Fähigkeiten die evtl. auftretenden gestalterischen Einschränkungen (und die technischen Schwächen) wett machen. Also, dann, wenn wirklich der komplette Brennweitenumfang benötigt wird […], der Transport eines zweiten Objektivs und/oder der Wechsel der Objektive aber unmöglich ist. Wenn Sie auf jedes Gramm Gewicht bei der Ausrüstung achten müssen oder ein Wechsel des Objektivs nicht möglich ist und Sie zusätzlich den Brennweitenbereich auch tatsächlich benötigen, dann ist das genau der Spezialfall, für den diese Objektive absolut unverzichtbar sind. (Zum Beispiel beim Klettern im Hochgebirge könnte ich mir das vorstellen.)

Viele der Herausforderungen bei der Reisefotografie können Sie nämlich auch mit anderen technischen (oder praktischen) Lösungen umsetzen, ohne ein Superzoom zu verwenden. Auch hierzu erhalten Sie im genannten Artikel wertvolle Tipps: So können Sie z. B. mit geringerer Brennweite fotografieren und später einen (vergrößerten) Ausschnitt wählen – bei den gängigen Megapixelauflösungen reicht dies noch immer für Ausdrucke, vor allem, wenn Sie keine großen Formate ausbelichten wollen. Zitat:

„Evtl. kann man ja doch ein Objektiv mehr mitnehmen und dann mal wechseln. Oder man kann evtl. einfach ein Zoom mit einem geringeren Brennweitenumfang verwenden und den längeren Brennweitenbereich des Superzooms mit einem Ausschnitt abdecken. Oder für einen größeren Bildwinkel mehrere Bilder „stitchen“. Dann reicht evtl. auch schon ein normales Zoom mit nur dem dreifachen Brennweitenbereich oder gar eine Festbrennweite.“

Welche Vorteile haben Reiseobjektive?

Allerdings stehen nicht alle professionellen Fotografen den Reiseobjektiven so skeptisch gegenüber. Und hier schließt sich der Kreis: in einem anderen Beitrag habe ich darauf hingewiesen, dass der Profifotograf Scott Kelby den Reisefotografen ausdrücklich ein 18-200mm-Objektiv empfiehlt (bei ihm „All-in-one-Zoom“ genannt). Kelby ist durchaus voll des Lobes, Zitat:

„[…] sie sind sehr kompakt, leicht und relativ kostengünstig im Vergleich zu einigen deutlich teureren Zoomobjektiven mit einem kleineren Brennweitenbereich […] Ich selbst besitze auch so ein Objektiv und ich liebe es […] Ich kenne keinen Fotografen, der solch ein Objektiv besitzt und damit nicht zufrieden ist […] Es ist ein Objektiv für alle Gelegenheiten. Bei mir zu Hause hängt sogar ein Großformatdruck einer Aufnahme, die ich mit diesem Objektiv gemacht habe – ein Zeichen für deren Qualität. Alle lieben dieses Bild und es ist perfekt scharf.“

Nikon 18-200mm Objektiv

Empfehlenswert für die Reise (lt. Scott Kelby): Ein 18-200mm-Zoomobjektiv, hier das AF-S DX Nikkor 18-200 mm 1:3,5-5,6G IF-ED VR (Foto: Nikon)

Ganz ähnlich auch der Fotograf Reinhard Eisele – wie er in diesem Artikel über empfehlenswertes Reisefotografie-Zubehör schildert, verwendet er selbst (neben zwei anderen Zoomobjektiven) ein lichtstarkes 70-200 mm-Telezoom (1:2,8) mit zwei Konvertern (1,4-fach- und 2-fach).
Aber – und das ist der interessante Punkt:

„Man kann aber auch mit nur einem Objektiv arbeiten: Stern-Fotograf Perry Kretz, weltweit für Reportagen unterwegs, schwört beispielsweise auf sein Zoomobjektiv 18-200 mm, Lichtstärke 1:3,5-6,5 (APS-C-Format), das er als einziges Objektiv verwendet.“

Der Weisheit letzter Schluss scheint mir das dennoch nicht zu sein. Ich verwende derzeit in meiner Ausrüstung ein 18-105-mm Zoomobjektiv mit einen optischen Bildstabilisator (nämlich das Nikon AF-S DX NIKKOR 18-105mm/3,5-5,6G ED VR an einer Nikon D5100 im DX-Format).

Gleichwohl: In einem sehr verständlichen und sachkundigen Artikel von Gunter Wegner kommt der Profi-Reisefotograf zu folgendem Fazit:

„Ein (sehr) gutes 18–200 Immerdrauf-Objektiv ist für die Reisefotografie der bestmögliche Kompromiss und kann durch weitere Objektive ergänzt werden.“

Auf der mundologia in Freiburg befragte ich im Februar 2014 im Rahmen eines Seminars den Reise- und Naturfotografen Markus Mauthe, was er von den „Superzooms“ hält. Mauthe rät dazu, ein solches Objektiv bei Interesse auf jeden Fall vorher auszuprobieren (z. B. ausleihen im Fotofachhandel) und individuell zu ermitteln, ob die Abbildungsqualität den eigenen Ansprüchen genügt. Laut Mauthe sind diese Objektive dann eine durchaus geeignete Möglichkeit, das Gewicht der Ausrüstung zu reduzieren – bei akzeptabler Bildqualität, sofern Sie keine sehr großen Ausdrucke (z. B. für Fotoausstellungen) benötigen.

Auch bei experto.de gibt es eine vierteilige Artikelserie zum Thema (Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4). Auch hier lautet das Fazit: Wenn Sie sich ein Reiseobjektiv anschaffen wollen, wählen Sie auf jeden Fall eines mit Bildstabilisator. Überdies erfahren Sie in den Artikeln noch etwas über verschiedene konkrete Objektive von Canon, Nikon, Tamron und Sigma. Der Autor schließt seinen ausführlichen Vergleich mit einer interessanten Information für Nikon-Fotografen:

„In meinen umfangreichen Tests hat sich das Nikon AF-S 3,5-5,6/18-200 mm VR immer wieder als optisch und mechanisch beste Variante herausgestellt.“

Übrigens gibt es mit www.reisezoom-objektiv.de auch eine eigene Website, die Ihnen einen Überblick über die Thematik verschafft und dabei auch auf die Objektive der Fremdhersteller Sigma und Tamron eingeht. Wenn Sie bereits konkret die Anschaffung eines Reisezooms planen, empfehle ich Ihnen hier besonders die Unterseite „Beachte beim Kauf“.

Welche Erfahrungen haben Sie gemacht – was ist für Sie das optimale Reiseobjektiv? Ich freue mich auf Ihre Kommentare!

Siehe auch:

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Responses

  1. […] Übrigens empfiehlt die Autorin in Sachen Objektiven ebenfalls ein sog. Reisezoom, das ich in einem anderen Artikel bereits besprochen habe: […]

  2. […] […]

  3. […] Sicht die sogenannten “Reisezooms” sinnvoll sind. Das Für und Wider dieser Objektive habe ich bereits einmal in diesem Beitrag erörtert, der laut meiner Blogstatistiken übrigens einer der am häufigsten abgerufenen hier im Blog […]

  4. […] […]

  5. […] […]

  6. […] […]

  7. […] […]

  8. […] Frage der Objektivwahl auf Reisen schreibt der Autor Dr. Christof Haverkamp dort […]

  9. […] […]


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